Zwanzig Minuten mit einem Engel von Alexander Wampilow

NEUE BÜHNE Senftenberg, Premiere 17.9.2010 im 7. GlückAufFest DOSTOPRIMETSCHATELNOSTI

Regie Esther Undisz, Ausstattung Stephan Fernau, Dramaturgie Gisela Kahl
Ugarow – Benjamin Schaup, Antschugin – Friedrich Rößiger, Wassjuta – Juschka Spitzer, Basilski – Mirko Warnatz, Chomutow -Wolfgang Schmitz, Stupak -Falk Schuster, Faina, Stupaks Frau – Maria Prüstel

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Pressestimmen:

Am 31.07.2010 in der „Lausitzer Rundschau“ von Renate Marschall
Die Neue Bühne verspricht viel Sehenswertes beim 7. GlückAufFest
Senftenberg Dostoprimetschatelnosti – Sehenswürdigkeiten – verspricht die Neue Bühne Senftenberg zu ihrem 7. GlückAufFest, das am 17. September Premiere hat. Den langen Theaterabend füllen ausschließlich Stücke russischer Dramatiker. Einer der bekannteren ist Alexander Wampilow, der in „Zwanzig Minuten mit einem Engel“ ein absurdes Stück Realität beschreibt, das so nirgends passiert, aber überall passieren könnte.

Das ist wahrscheinlich so, weil wir Menschen komische Wesen sind, uns selbst nicht trauen und schon gar nicht anderen. Und dann sind ja noch die Emotionen, mit denen keine andere Spezies zu kämpfen hat so wie wir. Träume. Sehnsüchte.
Die Protagonisten der Stücke jagen dem richtigen Leben nach, das immer woanders ist, als sie selbst. In Moskau zum Beispiel, wie Tschechows drei Schwestern vermuten. Oder in einer Flasche Wodka. Da sind sich Ugarow und Antschugin einig. Sie hocken im Hotel eines Provinznestes und sitzen auf dem Trockenen, wo doch so ein Schluck Wodka dem Kater sofort den Garaus machen würde. Aber alles leer. Aus keiner der Dutzend Flaschen ist auch nur noch ein Tropfen zu wringen. Ein Blick ins Portemonnaie offenbart: auch dort Ebbe. Und das Leergut bringt gerade 36 Kopeken. Hinzu kommt, dass offenbar alle in den umliegenden Zimmern gute Laune haben. Ein Pärchen auf Hochzeitsreise sowieso, aber auch der Fiedler von nebenan.
Die Lage scheint aussichtslos. Kein Wodka! Man könnte der Mutter telegrafieren oder der Verwaltung, sie sollen Geld schicken – das dauert mindestens drei Tage. Die Nachbarn anpumpen? Netter Versuch. Fehlgeschlagen. Kein Wodka!! Und die Erkenntnis: »Geld, wenn man keins hat, ist was Furchtbares.«
Eine ausweglose Lage erfordert außergewöhnliche Maßnahmen. Antschugin reißt das Fenster auf und schreit hinaus: Wer leiht uns hundert Rubel?
Noch während er von Ugarow wegen seiner Naivität ausgelacht wird, klopft es an der Tür: Ein etwas untersetzter Mann tritt ein, fragt höflich nach, ob von diesem Fenster aus um hundert Rubel gebeten worden war und zückt das Portemonnaie. Ugarow und Antschugin sind erst verblüfft, dann verärgert. Das kann doch nicht sein? Einfach so? Wo ist der Haken? Obwohl: kein Wodka!!! Und hundert Rubel so nah.
Der edle Spender, er heißt Chomutow, muss erfahren, dass es nicht so einfach ist, Gutes zu tun in einer Welt, in der der Eigennutz regiert. Weder Ugarow noch Antschugin noch einer der herbeigerufenen Zimmernachbarn hätte hundert Rubel verschenkt. Was also ist faul an diesem Gutmenschen, der behauptet, Agronom zu sein? An einen Stuhl gefesselt wird er in die Mangel genommen: Er soll endlich sagen, was mit dem Geld ist. Die Geschichte, die er schließlich erzählt, rettet ihn. Ob sie wahr ist? Das ist eigentlich egal. Aber Chomutow hat viel gelernt: »Tue den Menschen Gutes und sie zahlen es dir heim.«
Und Wodka? Endlich Wodka!
»Wie schlimm muss es um einen Menschen stehen, wenn er nicht mehr in der Lage ist, etwas Gutes als etwas Gutes anzunehmen? Wie steht es um eine Gesellschaft, in der es nicht möglich erscheint, dass einer uneigennützig etwas verschenkt?«, fragt Regisseurin Esther Undisz, die ihre Figuren nicht bloßstellt, sondern sie als Gefangene ihrer kleinen Verhältnisse zeigt. Als Menschen, »von denen das Glück weiten Abstand hält. Damit können sie umgehen. Das Glück in der Hand verstehen sie nicht zu genießen.«
»Komische Vorfälle aus der Provinz« hat Alexander Wampilow sein Stück genannt, das aus zwei ziemlich selbstständigen Teilen besteht: »Zwanzig Minuten mit einem Engel« und »Die Geschichte mit dem Metteur«. Alles, was er in seinem kurzen Leben geschrieben hat – er ertrank 34-jährig im Baikalsee – ist humorvoll bis skurril, nahe am wirklichen Leben, leider aber wenig gespielt. So sind die Senftenberger »Zwanzig Minuten mit einem Engel« eine echte Sehenswürdigkeit.
Karten für das GlückAufFest können unter der Telefonnummer 03573/80 12 86 oder über die Mailadresse karten@theater-senftenberg.de bestellt werden. Sie kosten im Vorverkauf 29 Euro, an der Abendkasse 32 Euro.

Hier gehts zur Online- Ausgabe der in Cottbus und Südbrandenburg erscheinenden „Lausitzer Rundschau

Die Märkische Allgemeine schrieb am 20.9.2010:
(…) „Dostoprimetschatelnosti“ heißt der Abend. Doch vergessen ist, wie sie uns im Russischunterricht mit dieser Vokabel gequält haben. Denn Senftenberg beweist, dass die russische Kultur weit mehr zu bieten hat, als jene in der DDR politisch korrekt verordneten „Sehenswürdigkeiten“ des großen Bruderlandes. Nach den „Drei Schwestern“ gibt es vier – parallel gespielte – Stücke zu sehen: Nikolai Erdmanns „Der Selbstmörder“, Sergej Medwedjews „Die Kröte“, Nikolaj Smeljows „Nächtliche Stimmen“ und die von Esther Undisz als genaue und bitterböse Provinzmilieustudie wie Stalinismusabrechnung in Szene gesetzten „Zwanzig Minuten mit einem Engel“ Alexander Wampilows.

Die Dresdner Neuesten Nachrichten schrieben am 21.9.2010:
(…) Das Pendant zu diesem teuflischen Spiel bieten die „Zwanzig Minuten mit einem Engel“ von Alexander Wampilow, inszeniert von Esther Undisz, die das unverkennbare Kolorit dieser Provinzanekdote aus Sowjetzeiten mit etwas boulevardeskem Zuckerguss überzieht. Die beiden Dienstreisenden Ugarow (Benjamin Schaup) und Antschugin (Friedrich Rößiger), die da nach drei durchzechten Nächten gewissermaßen mitten unter den Zuschauern völlig verkatert und mittellos aufwachen, gebärden sich als rechtschaffene Taugenichtse, indem sie sich überbieten mit untauglichen Ideen, Geld für neuen Stoff aufzutreiben. Weder die Nachbarn noch die Zimmerfrau lassen sich anpumpen. Doch als Antschugin schließlich das Fenster aufreißt und einen Hilferuf hinausschreit, klopft es wenig später an die Tür und ein freundlicher Herr im korrekten grauen Anzug blättert die erbetenen 100 Rubel auf den Tisch. Was freilich nicht mit Dankbarkeit, sondern mit zunehmendem Argwohn quittiert wird, je weniger überzeugend dieser angebliche Agronom Chomutow (Wolfgang Schmitz) das Motiv seiner Freigiebigkeit erklären kann. Als sich die gesamte skurrile Hotelbesatzung nur noch darum streitet, ob man den inzwischen an einen Stuhl gefesselten Wohltäter der Polizei oder gleich einem Irrenhaus ausliefern soll, erzählt der seine wahre Geschichte – und siehe da, wo der vermeintliche Engel nur Hass und Ablehnung erfährt, begegnen einem reuigen Sünder Solidarität und Verbrüderung. Auch hier öffnet sich über das Fremd-Vertraute eine berührende Perspektive der wirklichen Werte im Leben.

Die Junge Welt schrieb am 22.09.2010:
Russische Dramatik ist in bundesdeutschen Theaterspielplänen seltener zu finden. Die NEUE BÜHNE Senftenberg, seit 2004 unter der Leitung des Intendanten Sewan Latchinian, ist unbequem wie eh und je. Dramatik ausschließlich aus dem russischen Sprachbereich: „Dostroprimetschatelnosti“ lautet der Titel, Sehenswürdigkeiten. Aber es geht nicht nur ums Sehen, auch ums Hören, Riechen, Schmecken und Beieinander-Hocken – Theater als Ort der Kommunikation. Das Fest ist wie immer opulent. Es beginnt im großen Saal mit Tschechows „Drei Schwestern“ (Übersetzung von Thomas Brasch, Regie Latchinian). Danach laufen vier kleine Stücke zeitgleich an vier kleinen Spielorten. Der Abgesang am Schluß findet wieder im großen Saal statt. Zwischendurch Zeit zum Flanieren: Auf dem Platz vorm Theater ist ein russisches Dorf aufgebaut: Zwiebeltürme, Holzstege über künstliche Teiche, ein gutes Dutzend Holzhüttchen (mit Gardinen), Pelmeni, Bliny, Wodka, Kaviarbrötchen und ähnliches mehr. Event, Folklore, Nostalgie, Ostalgie? Ja. Auch. Aber der Abend ist unendlich viel mehr.
Latchinian und sein Ensemble erzählen die Geschichte von den Sehnsüchten der drei Schwestern und ihres betrüblichen Anhangs, als geschähe sie heute und mitten unter uns. Sie geschieht mitten unter uns. Das ganze Theater eine dunkelrot ausgehängte Stube, Vorbühne und Orchestergraben überbaut mit einer großen Familientafel. Darauf und darunter spielt sich alles ab. Die Zuschauer sitzen ringsherum und haben am Tee- und Wodkatrinken teil. Der Familienzoff direkt vor unserer Nase ist angereichert mit explosivem, sehr modernem Lebensgefühl, ohne daß dem Text Gewalt angetan würde. Tschechow würde sich über diese Interpretation seiner Komödie freuen: unsentimental, hart, direkt – ehrlich bis auf die Knochen. Und absurd. So absurd, wie unser aller Alltag mitunter daherkommt… Sie alle da vor unseren Augen brabbeln, endlos, hilflos, immer im Kreis um den Tisch rum, die Körper vor Anstrengung verrenkend, verzweifelt – brabbeln über das Leben, über das Glück. Es nervt. Daß die da in unserer Mitte ihr Leben einfach nicht auf die Reihe kriegen! Wir mögen sie, hassen sie, erkennen unsere eigenen tatenlosen Sehnsüchte wieder. Über hundert Jahr alt ist das Stück – und so was von gegenwärtig, so was von Provokation! Ade, Nostalgie!
Gar keine Nostalgie auch in den „Zwanzig Minuten mit einem Engel“ von Alexander Wampilow (Regie Esther Undisz) – auch schon fast 40 Jahre alt das Stück, in der DDR wegen seiner radikalkritischen Haltung ein Renner. Funktioniert es heute noch? Und wie! Eigentlich mehr denn je. Einer schenkt zwei Suffköppen Geld. Einfach so. Und stellt damit die ganze Welt des Eigennutzes und der Habsucht auf den Kopf. Folgerichtig wird der „Engel“ behandelt wie ein Verbrecher. Wir sitzen im verkommenen Hotelzimmer. Die Figuren agieren vor unserer Nase mit grimmiger, entschlossener Brutalität. Miese Typen – und trotzdem nicht aufgegeben von Autor, Inszenierung und Darstellern. Sie verteidigen sie. Umso größer ist unser Schmerz über die im Netz der Gier entfremdete, depravierte Menschlichkeit. Wampilows Stück ist auf der Höhe aktueller Kapitalismuskritik. Parallel laufen Nikolai Erdmanns „Selbstmörder“, ein frühes Stück Sowjetdramatik mit einer wüsten Aufführungsgeschichte voller stalinistischer Verbote, und zwei neuere Texte: Sergej Medwedjews „Kröte“ und „Nächtliche Stimmen“ von Nikolai Schmeljow.

Ein Gedanke zu „Zwanzig Minuten mit einem Engel von Alexander Wampilow

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