Krabat oder die Verwandlung der Welt nach dem Roman von Jurij Brězan (Uraufführung)

Dramatisierung von Gisela Kahl und Esther Undisz

NEUE BÜHNE Senftenberg, Premiere am 27.1.2007
Regie Esther Undisz, Ausstattung Ulrike Schlafmann, Musik Wallahalla, Dramaturgie Gisela Kahl
Es spielen: Sybille Böversen, Anna Hopperdietz, Lutz Aikele, Heinz Klevenow, Roland Kurzweg, Kai Windhövel

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Kritiken (Auszüge)

Krabat nach Jurij Brězan

Am Samstag brachte die Studiobühne in Senftenberg die Uraufführung von „Krabat oder Die Verwandlung der Welt“, nach dem Roman von Jurij Brězan, für die Bühne bearbeitet von Gisela Kahl und Esther Undisz, die auch Regie führte. Eine absolut sehenswerte (Inszenierung. Man traut den eigenen Augen nicht. Beharrlich sucht (und verfehlt) der Mensch das Glück, doch niemand weiß zu definieren, worin es eigentlich besteht. Wo bin ich? Fragt, wer nachdenkt, und erschrickt. Wo sind sie, die Toten, die Lebenden und die noch Ungeborenen? Wo etwa der Herr dort auf der Bühne, der Biogenetiker Jan Serbin, der nach dem Sinn des Daseins sucht? Und Ceballo, der smarte Managertyp? Wieso denkst du, die Menschen taugten erst wirklich, wenn sie wie Maschinen funktionieren?

Brězans Roman hat es in sich, er gilt als sein Schlüsselroman und formuliert einen hohen poetischen , menschlichen, philosophischen Anspruch. Die Bühnenfassung verknappt, montiert, liefert den kürzesten Nenner, ist aber mindestens so poetisch wie die Vorlage und darum ihrer ebenbürtig. Ein rasches, jäh die Ebenen wechselndes Szenario spielt sich ab, das den Gedanken in den Vordergrund rückt. Episches Theater, varianten- und beziehungsreich, eine Collage, die mit Denksplittern und Denkbeziehungen experimentell umgeht, realisiert über eine Rollengestaltung, die den Schauspielern ihr Äußerstes abverlangt.

Der Bühnentext wäre wunderbar auch als Hörspiel geeignet. Freilich, die komplexe theatralische Struktur, die Fülle der Gedanken, das fluktuierende Beziehungsgeflecht, verlangen dem Zuschauer höchste Aufmerksamkeit ab. Aber dazu sind Studioaufführungen da, sie experimentieren, sie schneken den Leuten nichts. Stefan Amzoll, 31.1.2007 junge Welt

Urworte, sorbisch

An den Vorbereitungen hatte der Autor noch interessiert, ja neugierig Anteil genommen, einen Epilog verfasst – die Uraufführung erlebte er nicht mehr. Juri Brězan starb am 12. März 2006 in Kamenz, fast neunzigjährig. Der wohl bedeutendste sorbische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, der in sorbischer Sprache, aber auch in Deutsch schrieb, wurde in 25 Sprachen übersetzt. Er war kein Heimat-Dichter im engeren Sinn, er schöpfte aus seiner eigenen Biografie, aber auch aus der Märchen- und Sagenwelt seiner sorbischen Heimat: Krabat ist der sorbische Schutzheilige, ein Verwandter des schlesischen Rübezahl, ein weiser Narr, der das Leben (und die Frauen) liebte, standig nach dem Glücksland suchte..

In dem schon 1964 konzipierten, 1976 abgeschlossenen Roman, den man auch als Schlüsselwerk des Dichters lesen kann, ist Krabat beigesellt der Wissenschaftler Jan Serbin, Biogenetiker, ein „fasutischer“ Charakter – Gegenspieler des „mephistophelischen“ Ceballo – , der, sich Krabat anverwandelnd, nach der „Formel des Lebens“ sucht. Der Text ist eine phantastische Zeitreise zwischen Phantasie und Realität, zwischen Dreißigjährigem Krieg und der gegenwart, zwischen dem Frieden von Osnabrück und der Atombombe von Hiroshima. Krabat geht „frei durch Raum und Zeit, so wie sich unser Denken frei in Raum und Zeit bewegt. Oder bewegen kann. Und bewegen muß, wenn wir eine menschenswerte Welt weitergeben wollen…“ (Brězan1972)

Der dickleibige, in jeder Hinsicht vielschichtige Roman, sprunghaft zwischen Raum und Zeit pendelnd, scheint sich einer dramaturgischen Disziplinierung zu entziehen. Der Senftenberger Versuch von Chefdramaturgin Gisela Kahl und Regisseurin Esther Undisz ist zunächst eine clevere handwerkliche Leistung, er sortiert Handlungselemente und personenkonstellationen, schafft im Rahmen des Möglichen eine gewisse Transparenz (ganz verstehen werden es wohl nur der intime Kenner des Werkes oder sorbische Heimatkundler); die eigentliche Leistung besteht aber meines Erachtens darin, die sprachliche Poesie des Autors aufblühen zu lassen und seine gedankentiefe, wohltuende ideologiefreie Fabulierlust zu vermitteln, die immer auch um den Zusammenhang von Moral und Vernunft kreist. Der Mensch der Zukunft wird, so behauptet Serbin/Krabat/Brězan, „sowohl vernüftig als auch moralisch sein, allerdings: nicht aus Moral vernüftig, sondern aus Vernunft moralisch.“ Die Inszenierung, die freilich nicht nur den interessierten Zuschauer, auch den konzentrierten Zuhörer braucht, gibt der formal lockeren, inhaltlich durchaus stringenten Vorlage eine schöne, choreografisch bestimmte, scheinbar improvisierte Leichtigkeit – wobei die Live-Musik der drei Wallahalla – Musiker den Rhythmus der Inszenierung wie ihre wechselnden Stimmungen sensibel mitprägt, ohne sich zu verselbständigen. Die sechs Darsteller – Sybille Böversen, Anna Hopperdietz, Lutz Aikele, Heinz Klevenow (Serbin u.a.), Roland Kurzweg (Krabat) und Kai Windhövel – bilden den „Chor der Spieler“, der teils spielend, teils berichtend, Rollen, Situationen, (gelegentlich) Kleider rasch wechselnd, die „Handlung“ bewegt, auf sympathische Weise den Zuschauer/hörer mitnehmend auf die Reise durch Raum und Zeit, bis hin zum (leicht sentimental getönten) guten Ende… Keine leichte Kost, aber ein schöner und anregender ABend in der Lausitz, der auch für den Dichter und sein Werk wirbt. GlückAuf! Um mit Intendant Latchinian zu sprechen. Martin Linzer, Theater der Zeit

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