Der Bürgermeister und seine Lieben von Kalle Scherfling (Uraufführung)

Der Bürgermeister und seine Lieben, Komödie von Kalle Scherfling (Uraufführung), Hessische Bearbeitung Natascha Retschy, Premiere am 6.10.2012 im Volkstheater Frankfurt Liesel Christ Regie: Esther Undisz, Bühne: Rainer Schöne, Kostüme: Bärbel Christ-Heß, Andreas Stöbener Koch
In hessischer Mundart spielen: Heinz Harth – Roland Steigguff, Ricarda Klingelhöfer – Britta seine Frau, Iris Reinhardt Hassenzahl – Jule ihre Tochter, Anette Krämer – Gertrud Steigguff, Mutter des Bürgermeisters, Hans Zürn – Herbert Postmüller, Brittas Vater, Steffen Wilhelm – Marco van Gesten, Spin Doctor, Tino Leo – Christian Hessenmeiler
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Bürgermeister Steigguff steht im Wahlkampf, im Mittelpunkt seines Wahlkampfes: die Familie. Um ein optimistisches Foto für das Wahlplakat zu machen, hat er seine Familie ins Rathaus bestellt. Die Familienmitglieder treffen nacheinander ein und die Katastrophe beginnt. Seine Frau hat ihn schon so lange nicht zu Hause gesehen, daß sie Blumen als Geschenk nur noch als Provokation empfinden kann, seine Tochter ist kurz vor dem Sitzenbleiben und seine Mutter möchte am liebsten den ganzen Laden, also sein Büro, übernehmen, damit endlich klar wird, was für ein toller Mann ihr Sohn ist. Der scheinbar demente Opa im Rollstuhl, der alles kneift, was in seine Nähe kommt, macht die Situation nicht einfacher und obendrein erscheint zum kurzfristig angesetzten Bürgergesprächs-termin ein Jugendlicher mit roten Haaren, so rot wie die Haare des Bürgermeisters, und das nicht ohne Grund…
Bekanntlich kommt es immer schlimmer als gedacht. Bürgermeister Steigguff muß nicht nur um seine Wiederwahl, sondern auch um den Erhalt seiner Ehe und Familie kämpfen. Skrupellosgreift er in die große, politische Schmuddelkiste und führt Bestechung, Erpressung, Kuhhandel ins Feld. Doch diese Rechnung hat er ohne seine Frau gemacht… Und die Zeit läuft, denn das Familienfoto muß her!

Kritiken

Jutta W. Thomasius schreibt in der

Frankfurter Neue Presse

vom 8.10.2012:
„Ich hab‘ se all‘ fertich gemacht“
Die Uraufführung von Kalle Scherflings Komödie „Der Bürgermeister und seine Lieben“ wurde im Volkstheater umjubelt.
Jagdhörner rufen Bürgermeister Roland Steigguff ins von Bühnenbildner Rainer Schöne multifunktional ausgestattete Büro. Jagdhörner feiern im Schlussbild den Polit- und Familiensieg des rothaarigen Ehrgeizlings: Animieren sollen sie das Wahlvolk, wieder für den mit allen Wassern gewaschenen Stadtchef zu stimmen.
Vom ersten Satz des mit Witz, Ironie, Menschen- und Politikkenntnis geschriebenen Stücks an reagierte das Publikum hingerissen auf eine Inszenierung, die Nordlicht Esther Undisz wie eine kurz vor dem Explodieren stehende Zeitbombe auf die Bühne stellt. Natascha Retschys hessische Bearbeitung der Komödie ( sie soll demnächst in Berlin „berlinerisch“ reüssieren) ist ein echter Ohrenschmaus. Die Kostüme sind, wie Schönes demonstrativ auf Rot-Weiß getrimmtes Schlafzimmerbild nach der Pause, eine Augenweide. Die psychologisch wie real Grips und Herz mobilisierenden Dialoge befeuern die Schauspielerei.
Die Story? Steigguff „übt“ mit seinem pfiffigen „Werbe-Trainer“ Marco (exzellent: Steffen Wilhelm) den Fernseh-Auftritt vor der Kommunalwahl. Gattin Britta (hübsch und clever: Ricarda Klingelhöfer), seine revolutionäre Tochter Jule (zauberhaft stürmisch: Iris R. Hessenwahl), Bürgermeistermutter Gertrud (vom Alkohol beschwingt: Annette Krämer) und der plötzlich auftauchende rothaarige Jüngling Christian (keck und schüchtern zugleich: Tino Leo) applaudieren, stören, zweifeln oder flunkern, was das Zeug hält. Opa Postmüller, Brittas Vater, scheint, im Rollstuhl Blödsinn babbelnd, keine Gefahr. Als sich Schwiegersohn und Tochter ihre eheliche Untreue gestehen, bekennt aber auch er sich zum Gesundsein und zur „alten Liebe“ Gertrud, die das nicht mehr zu hoffen wagte. Hans Zürn, eingesprungen für den erkrankten Dieter Henkel, schmückt diese Rolle mit feinster Körpersprache.
Heinz Harth ist als Bürgermeister, Parteifuchs, Schlitzohr, Fremdgänger und flotter Familien-Förderer eine Wucht. Seine Lügengespinste sind amüsanter als alle politischen oder privaten Wahrheiten. Kein Wunder, dass es nach dem letzten Halali für alle Blumen regnete und Ovationen gab. Und man, mit Steigguff, gnadenlos lächeln durfte – über seinen Jubelschrei: „Ich hab‘ se all‘ fertich gemacht!“

 

Christoph Schütte schreibt in der

Frankfurter Allgemeine Zeitung

vom 8.10.2012:
Ein Karussell voller Pointen
„Der Bürgermeister und sein Lieben“
Eigentlich kann gar nichts schiefgehen. Schließlich fühlt sich der Bürgermeister hier im Rathaus ohnehin zu Hause, ist, so darf man neidlos anerkennen, sein Programm („Des Amt bin isch, und isch bin des Amt“) nicht nur Ergebnis profunder Wähleranalyse, sondern auch so klar, präzise und entschieden, wie es sein muss, und so wird er denn auch heute Abend in der Talkshow noch einmal jene gefällig ondulierten Phrasen von Ehe, Werten und Familie deklamieren, die er jetzt gerade voller Inbrunst probt. Dumm nur, dass Roland Steigguff selbst eine Familie hat, die indes hinter seinem Rücken nach gänzlich anderen Regeln funktioniert, als er sie in seinem Wahlkampf propagiert. Und sich zu allem Überfluss gerade jetzt, statt brav und fröhlich lächelnd fürs Wahlplakat zu posieren, derart leidenschaftlich in die Wolle kriegt, dass Steigguff seine eben noch so heile Welt nicht mehr versteht: „Was is hier eigentlich los, des is ja durcheinanderer als in Offenbach!“ Und wird naturgemäß nur schlimmer. Spätestens, als zur Bürgerstunde auch noch der uneheliche Sohn Christian im rustikalen Amtszimmer auftaucht (Bühne Rainer Schöne), scheint das jähe Ende der eben noch so glänzenden politischen Karriere nicht mehr aufzuhalten. Kalle Scherflings von Natascha Retschy so behutsam wie pointiert ins Hessische übertragene Komödie „Der Bürgermeister und seine Lieben“, die jetzt am Frankfurter Volkstheater uraufgeführt wurde, kommt in Esther Undisz‘ Inszenierung zunächst als klassisches Boulevardtheater daher.
Nur leider erst mal nicht ganz so flott, merkt man dem ersten abendfüllenden Stück des Berliner Autors doch die eine oder andere dramaturgische Schwäche an, die jedoch Regie und ein glänzend aufgelegtes Ensemble immer deutlicher souverän austarieren. Sind die Figuren erst eingeführt, Fallhöhe und Spannungsfeld humoristisch kurzweilig vermessen, dreht sich das Pointenkarussell ohnehin fast wie von selbst. Und die Schauspieler, allen voran Heinz Harth als Bürgermeister Steiggufff, der Gattin Britta (Ricarda Klingelhöfer) vornehmlich vom Sehen kennt, Hans Zürn als leicht dementier Schwiegervater Herbert sowie die mit reichlich Szenenapplaus bedachte Anette Krämer als Oma Gertrud, die noch nach dem fünften Cognac taumelnd Sinn für Standesgrenzen offenbart, stoßen es mit Lust am komischen Treiben denn auch immer wieder herzhaft an.
Steffen Wilhelm gibt derweil den „Partei-Mephisto“ van Gesten, der routiniert zu retten sucht, was kaum zu retten scheint, Iris R. Hessenwahl die gepiercte und mit losem Mundwerk den pubertären Aufstand probende Tochter Jule, während Tino Leo als Fleisch gewordene Frucht von Steigguffs außerehelichem Engagement die Risse im familiären Fundament des Bürgermeisters endgültig zu sprengen droht. Denn der mag zwar schon andere Skandal ausgestanden haben: „Isch bin Politiker, isch kann misch an nix erinnern.“ Aber es hilft ja nichts. Die Familie erweist sich als von anderem Kaliber als der politische Gegner. Und guter Rat wird wahrlich teuer.

 

Stefan Michalzik schreibt in der

Frankfurter Rundschau

vom 8.10.2012:
Der Lügner und seine Lieben
Eine Wahlkampf-Komödie im Volkstheater Frankfurt
Es ist ein altes Lied, das da gesungen wird. Jenes vom durch und durch verlogenen Politiker. Bürgermeister Steigguff studiert unter den Augen seines Spin-Doctors für die heiße Phase des Wahlkampfs eine Rede mit dem standardisierten Salbadere von der unumstößlichen Bedeutsamkeit der ewigen Werte Ehe und Familie ein. Als aber seine Frau in der provinziell anmutenden Amtsstube auftaucht, muss er sich erst einmal erkundigen, was zu Hause eigentlich so vorgeht.
Mit der Komödie „Der Bürgermeister und seine Lieben“ des 67-jährigen Berliner Autors Kalle Scherfling setzt das Frankfurter Volkstheater den von der künstlerischen Leiterin Sylvia Hoffman vor zwei Jahren eingeschlagenen Kurs fort, zu einem beträchtlichen Teil Uraufführungen zu zeigen. Eine sonderliche Originalität kann das Motiv der Komödie freilich für sich nicht beanspruchen. Es handelt sich um die übliche Jonglage mit Klischees. Das in einer hessischen Übertragung von Natascha Retschy gespielte und von Esther Undisz inszenierte Stück ist eine Klamotte klassischen Zuschnitts. Es handelt sich um ein dankbares, dialogisch weitgehend flottes Komödiantenfutter.
Ein Foto mit der glücklich lächelnden Familie fürs Wahlplakat muss her. Die aber erweist sich als widerspenstig. Die Tochter ist eine gepiercte Globalisierungskritikerin – und auch sonst ist Stoff für weidlich turbulente Wirren und Wendungen gewährleistet. Schließlich taucht auch noch ein unehelicher Sohn auf. Der Mann, der dem Wahlkampf den richtigen Dreh geben soll, hat alle Hände voll zu tun, öffentlich wie im heimischen Schlafzimmer.
Wie schon oft ist dies auch wieder ein Abend von Anette Krämer. Als dem Cognac und Likör zugetane schräge Gruoßmutterschachtel hat sie eine Reihe von markant pointiert krachenden Auftritten. Der Rest des Ensembles – in den Hauptrollen: Heinz Harth und Ricarda Klingelhöfer als Bürgermeister und seine Frau – legt ein in den besten Momenten kurzweilig schnurrendes Komödienhandwerk hin.
Der Ansatz ist ein anderer als jener des vielseitig orientierten Mundartstückphilologen Michael Quast und seiner Fliegenden Volksbühne, dem die Stadt gerade in Sachsenhausen ein festes Haus baut. Ein neues Profil hat Sylvia Hoffman aber zweifellos aufgebaut. Das Frankfurter Volkstheater, das in seiner finalen Spielzeit steht, hat am Ende doch noch jene Erneuerung geschafft, mit der es lange haperte.
Frankfurter Volkstheater bis 10. November. www.volkstheater-frankfurt.de

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