Das Geld liegt auf der Bank von Curth Flatow

NEUE BÜHNE Senftenberg, Premiere 4.12.2010

Regie Esther Undisz, Ausstattung Stephan Fernau, Dramaturgie Gisela Kahl
Gustav Kühne, genannt „der kühne Gustav“ – Heinz Klevenow; Erika, seine Frau und Barbara, deren Tochter – Eva Kammigan; Wolfgang Kühne, Gustavs und Erikas Sohn – Marco Matthes; Cornelia, Wolfgangs Tochter – Maria Prüstel; Alfred Kühne, Gustavs und Erikas Sohn – Wolfgang Schmitz; Willi Böttcher, Kriminalkommissar und Hans Böttcher, sein Sohn – Till Demuth; Herr Gottschalk, Vertreter für Alarmanlagen – Sybille Böversen; Frau Ehrenreich, Generaldirektorin der Bank – Catharina Struwe

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Pressestimmen

Curth Flatows „Das Geld liegt auf der Bank“ an der Neuen Bühne Senftenberg Senftenberg Banker sind nach der Bankenkrise nicht gut angesehen, und schon Brecht stellte in seiner Dreigroschenoper eine sich selbst beantwortende Frage: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ Gustav Kühne allerdings kritisiert Banken nicht, er raubt sie aus. „Das Geld liegt auf der Bank“ hatte am Samstag an der Neuen Bühne Senftenberg Premiere. Im Alltag Kunstschlosser, in der nächtlichen Wirklichkeit Bankräuber, lässt Kühne seine Beute gleich in der Bank, im eigenen Bankfach. Der „kühne Gustav“ stellt nichts infrage, nicht die Gesellschaft, nicht das Bankwesen, sondern er betreibt sein eigenes kriminelles Gewerbe mit einem Selbstverständnis, das sich aus einem ausgeprägt bürgerlichen Leistungsethos speist. Für den Tresorknacker mit dem Gemüt eines Biedermannes ist Einbruch Vertrauenssache, seine „Kunden“ müssen ihre Bank ordentlich führen, dann überführt er ihr Geld gern in sein Bankfach. Gern und viel gelacht Viel Komik speist sich in diesem 43-jährigen Schwank aus der Verdrehung der Bedeutungen und Vorzeichen: Wenn zwei Seiten scheinbar das Gleiche loben, tun sie es mitnichten. Das merken zwar die Zuschauer, aber nicht die Bühnenfiguren. Aus dieser Konstellation entwickelt Curt Flatow viel Dialogwitz und Situationskomik in seinem Schwank, der nach der Uraufführung 1968 im Berliner Hebbeltheater eine mehr als 500 Aufführungen umfassende Erfolgsserie hinlegte. Wie alle seine Stücke ist auch „Das Geld liegt auf der Bank“ weder aufmüpfig noch gesellschaftskritisch. Statt Charakteren gibt es nur Typenklischees. Es scheint manchmal arg von gestern, und dennoch wirkt es noch heute. Weil es mit dramaturgischem Kalkül geschrieben ist und mit souveräner Komik punktet. Ich gebe zu: Ich habe gelacht. Ob über oder unter meinem Niveau wie der selbstkritische Kortner? Egal. Ich habe sogar gern und viel gelacht und mich immer wohlgefühlt bei einem Schwank, dem Dramaturgin Gisela Kahl einiges von seiner Behäbigkeit ausgetrieben hat. Regisseurin Esther Undisz hat mit angenehm leichter Regiehand die Figurenklischees nicht vergröbert, sondern vergrößert. Mit Schauspielern, die mindestens so viel Spaß dabei haben wie wir Zuschauer. An ihrer Spitze: der wunderbare Heinz Klevenow als Gustav Kühne. Der hat an seinem 40. Geburtstag mal wieder mit seinen beiden Söhnen eine Bank ausgeraubt, und während er sich mit wunderbar krausen Pointen über die Redlichkeit seiner Unredlichkeit auslässt, unterweist er die Söhne mit preußischer Strenge in seinem Beruf. Doch da einer der beiden einen Fehler gemacht hat, steht der Kriminalkommissar in der Tür. Deshalb bittet Gustav Gott um Hilfe mit dem Versprechen, 40 Jahre vom Tresorknacken zu lassen. Seine Bitte wird erhört. Klar, dass der Autor Kühnes 40 bruchlose Jahre überspringt und uns den munteren Alten erst an dessen 80. Geburtstag wieder zeigt, wie er natürlich wieder einen Bankraub vorbereitet. Mehr soll hier nicht verraten werden. Tolle Schauspieler Viel zu reden und zu rühmen aber ist von den Schauspielern. Wie Heinz Klevenow den Gustav als lustvoll listigen Biedermann zum Sympathieträger macht, ist von einer handwerklichen Souveränität und sinnlichen Unangestrengtheit, die man schier nicht beschreiben kann: Man muss es sehen. Und wie Klevenow die alte Komödiennummer, bei der einer beim vermeintlichen Kaffeetrinken mit bösen Folgen an ein scharfes Getränk gerät, so variiert, wie man sie noch nie gesehen zu haben meint, ist enorm gelächterträchtig und schauspielerisch einfach toll. Und wenn Sybille Böversen den Vertreter für Alarmanlagen mit einer zutiefst menschlichen Komik ausstattet (jede Geste zugleich eine Haltung und ein Witz), oder wenn Eva Kammigan, nachdem sie erst Kühnes Frau gespielt hat, sich dann als dessen Tochter schmunzel-komisch durch ihre herzschmerzige Verliebtheit zum Sohn des Kriminalkommissars windet, dann verfällt man der Inszenierung von Esther Undisz endgültig. In der Gustavs Söhne (Wolfgang Schmitz und Marco Matthes) zuerst komisch piepsig und später zitathaft spießig daherkommen, während sie ihre von immer den gleichen Running Gags geprägten Bruderkämpfe austragen. Till Demuth, Maria Prüstel und Catharina Struwe komplettieren ein spieltolles Ensemble, das uns diesmal kein großes Theaterstück, aber ein großes Stück Schauspielertheater lieferte. von Hartmut Krug am 06.12.2010 in der Lausitzer Rundschau

Das Geld und die Gesellschaft, Kritische Theaterstücke im Osten der Republik

An der neuen Bühne Senftenberg ist dann beim Schwank „Das Geld liegt auf der Bank“ noch mehr schmunzelige Harmlosigkeit angesagt. Der erfolgreiche Komödienautor Curt Flatow entwickelt die Komik seines Stücks aus dem Jahr 1968 nicht aus direkter Gesellschafts- oder gar Bankenkritik, sondern indem er bürgerliches Berufsethos und Ordnungssinn einem Bankräuber zuweist. Gustav Kühne kritisiert Banken nicht, sondern er raubt sie einfach aus. Im Alltag Kunstschlosser, in der nächtlichen Wirklichkeit Bankräuber, lässt er seine Beute gleich in der Bank, im eigenen Bankfach. Der „kühne Gustav“ stellt nichts in Frage, nicht die Gesellschaft, nicht das Bankwesen, sondern er empfindet seine illegale Arbeit als legale Berufung: „Die Bank war mir schon von Anfang an sympathisch. Weißt du, so ein Einbruch ist auch eine Vertrauenssache. Das ist alles blitzsauber dort. Wenn du den Tresorraum betrittst: kein Stäubchen auf den Regalen, alles liegt, wo es hingehört, gebündelt und gestapelt. Da macht das Zugreifen richtig Spaß.“ In Senftenberg aktualisiert oder verschärft Regisseurin Esther Undisz den alten Schwank nicht, sondern lässt aus seinem komödiantischen Verdrehungspotenzial die Funken sprühen. Wenn hier zwei Personen über bürgerliche Eigenschaften sprechen, loben sie nur scheinbar dasselbe. Das ergibt viel Situationskomik und prächtige Rollen. Und wenn am Schluss der Bankräuber eine Bank vor Bankräubern bewahrt, schlägt die Geschichte ironisch Kobolz. Sicher, „Das Geld liegt auf der Bank“ ist weder aufmüpfig noch kommt es wirklich gesellschaftskritisch daher, es stichelt aber immerhin ein bisschen. Und auch wenn es statt Charakteren nur Typenklischees besitzt, so steckt in diesen, zumal in der Darstellung eines animierten Ensembles, doch auch gesellschaftliche Wahrheit. Es holt sein Publikum in dessen Wirklichkeit ab, ohne diese grundsätzlich zu erschüttern. Immerhin aber bringt es sie zum Reden, wie in der Pause zu hören. Gut, wirklich politisches, absichtsvolles Theater ist das nicht. Doch in Zeiten, wo es dem Theater in einer Kleinstadt auch deshalb ums Publikum geht, weil die Politiker volle Auslastung verlangen, ist eine solche Stückwahl vielleicht noch ein geringes Übel in einem Spielplan, in dem auch mit den Klassikern die Gegenwart befragt wird. Zumal ich zugeben muss: Ich habe viel gelacht. Hartmut Krug in Deutschlandradio Berlin 27.12.2010

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