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Lesung von Lou Beate Gunia am 23.4.2010

Lesung am Freitagabend in Leipzig bei Frau Scharff – Feines für den Alltag, einem Laden in der Leipziger Innenstadt. Der Laden ist eigentlich nicht klein, aber er bordet über von Dingen, die überall zum Kauf präsentiert werden, auf kleinen Tischen, auf dem Boden, in Regalen… Das Publikum sitzt deshalb mit etwas Luft, aber eben auch einigen Dingen zwischen sich, und lauscht. Susanne Altmann spricht einführende Worte zur Lesung von Lou Beate Gunia, und sie macht den Vergleich auf zwischen diesem neuen Text der an multipler Sklerose erkrankten Autorin und dem älteren Text „Lebensbruch Krankheit“, der diesem vorangegangen ist. Den Unterschied, den sie beschreibt, werde ich an diesem Abend auch empfinden, deshalb beschreibe ich ihn so, wie ich es erlebt habe. Während der „Lebensbruch Krankheit“ -Text ein Anschreiben gegen die Krankheit war (Zitat Altmann), habe ich das Gefühl, mit dem neuen Text „Welt wo bist du – Da wo immer“ überschreitet Lou Beate die Grenze vom authentisch-intimen autobiographischem Schreiben zu autobiographischer Literatur. Es gibt jetzt einen konkreten, spürbaren „Erzählwillen“, es soll etwas gesagt werden, mitgeteilt werden, die Verdichtung und Formgebung der Sprache und der Geschichten sind bewusster, zielgerichteter. Das vorhergehende Schreiben (das heißt der ältere „Lebensbruch-Krankheit“-Text) wollte sich klarwerden, versuchte eine Art Selbstbestimmung und Verarbeitung von Erlebtem, spürte Gefühltem über Zitate von Tagebüchern und Briefen nach, konnte aber über die Situation noch nicht hinausgehen, sie nicht verlassen. In diesem Text beschreibt Lou Beate Gunia ihr Tun auf einmal mit Worten und Verben, die über Realität hinausgehen. Selbstverständlich „läuft“ sie zur Tür, auch wenn sie seit Jahren auf den Rollstuhl angewiesen ist. Die erste Stufe von Reflexion ist einer Antwort oder besser einer ganz neuen Fragestellung gewichen. Der Kosmos Krankheit ist nicht mehr das Gefängnis, sondern die Folie, die neue Erkenntnisse, Einblicke, Fragestellungen ermöglicht. Da beginnt vielleicht das Geschenk, das sie ihren Lesern, bzw. den Zuhörenden, macht. Sie zeigt in ihren Geschichten die Schönheit der Welt, die Kostbarkeit des Augenblicks, die unbedingte Fähigkeit zu Dankbarkeit und Genuß und Hingabe. Ganz entgegen der furchtbaren Realität der Krankheit, wird sie dabei nie zu einer Person, die in fast allem auf die Hilfe anderer angewiesen ist, sondern sie bleibt eine Frau, die sich die Freiheit des Handelns nicht aus der Hand nehmen lässt. Sie vergißt dabei nie den Menschen an ihrer Seite, sie nennt ihn „meinen Lebensmenschen“ der mit ihr lebt, sie pflegt, sie liebt, ihr auch diese Freiheit ermöglicht. Zwei wunderbare Menschen.
Ich freue mich, daß ich zwischen den Texten mit dem Saxophon ein paar Pausen verzieren kann und habe den Eindruck, es wird wohlwollend vom Publikum aufgenommen.